Im Morgenglanz der Ewigkeit - Ich würde alt werden

„Herr, du weißt besser als ich, dass ich älter werde; und eines Tages bin ich alt. Bewahremich vor der fatalen Angewohnheit zu meinen, ich müsste mich zu jeder Sache und bei jedemAnlass äußern. Erlöse mich von der Sucht, jedermanns Angelegenheiten in Ordnung zubringen. Mach mich nachdenklich, aber nicht grüblerisch; hilfsbereit, aber nichtaufdringlich. Ich habe so viel Erfahrung – es scheint schade, sie nicht ins Spiel zu bringen.Doch du weißt, Herr, dass ich schließlich ein paar Freunde brauche.Bewahre mich davor, mich in endlos viele Einzelheiten zu verlieren. Gib mir Flügel, dass ichzur Sache komme. Versiegle meine Lippen für meine Schmerzen und Beschwerden. Sienehmen zu, und das Vergnügen, sie aufzuzählen, gewinnt an Reiz im Laufe der Jahre. Ichwage nicht, um ein besseres Gedächtnis zu bitten, aber um größere Zurückhaltung und umweniger Selbstsicherheit, wenn mein Gedächtnis dem widerspricht, woran sich andereerinnern. Erteile mir die unbezahlbare Lektion, dass ich mich hin und wieder irre.Gib mir ein vernünftiges Maß an Liebenswürdigkeit. Ich möchte kein Heiliger werden – esgibt Heilige, die einem das Leben schwer machen. Aber ein alter Griesgram ist des Teufelsliebstes Kind. Verleihe mir die Gabe, Gutes zu finden bei unerwarteten Gelegenheiten undTalente zu entdecken bei Leuten, bei denen ich sie nie vermutet hätte – und gib mir dieGnade, es ihnen zu sagen. Amen.“(Gebet einer Äbtissin)Obwohl ich damals noch ein Knirps von gerade mal sieben Jahren war, erinnere ich michnoch gut an den Tag, als mein Opa 65 Jahre alt wurde und in den Ruhestand ging. Ich hatteschon immer eine enge Beziehung zu ihm, doch jetzt hatte er endlich richtig Zeit für mich.Zeit, um mir die Welt zu zeigen – und das hieß für ihn und für mich wandern in der näherenUmgebung und der Blick für die Schönheit der Natur, die Tiere und die Pflanzen und dieKräuter. Zeit aber auch, um an all dem, was mich beschäftigte, Anteil zu nehmen.Doch mein Opa erstaunte noch ganz andere Menschen. Er, der einfache Facharbeiter,entwickelte mit zunehmendem Alter eine geradezu unvorstellbare Schaffenskraft: Er malte,dichtete, brachte sich Noten bei und lernte ein Instrument und schrieb zwischen seinem 70stenund 80sten Lebensjahr drei Bücher mit plattdeutschen Gedichten und Liedern, die dann auchveröffentlicht wurden.Mein Opa ist natürlich einmalig – für mich als Enkel! – doch es gibt viele Menschen, derenEinmaligkeit im Alter so richtig zum Zuge kommt.Keine Frage, es ist ein biologischer Tatbestand, dass mit zunehmendem Alter die körperlichenKräfte schwinden und mit ihnen all das, was als „flüssige Intelligenz“ bezeichnet wird:Geistige Flexibilität und die Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzulassen. Doch es istebenfalls nachweisbar, dass mit den Jahren das Allgemein- und Erfahrungswissen, geistigeTiefe und Kreativität zunehmen; in der zweiten Lebenshälfte oft erst richtig zum Zugekommen. Und daher ist es kein Wunder, dass frühere Generationen dem Rat der Älteren stetsbesondere Wertschätzung entgegenbrachten.Dass trotzdem niemand alt werden möchte und der Respekt gegenüber dem Alter sich inGrenzen hält, liegt wohl weniger an den alten Menschen selbst und an der rasantentechnischen Entwicklung, wie immer wieder betont wird, als an gesellschaftlichenLeitbildern, die – der demographischen Entwicklung zum Trotz – die ewige Jugend zum Idealerheben.‚In Würde alt werden’ ist daher gerade in unserer sogenannten postmodernen Zeit schwer.Neben dem körperlichen Kräfteabbau und der Idealisierung der Jugend sind es Einschnitte imErleben alternder Menschen, die erhebliche Anforderungen stellen. Die gravierendsten sind:Der Pensionierungsschock. „Ich kam mir vor wie ein Autofahrer, der mit 85kmh urplötzlichgegen eine Wand fährt. Von einem Tag zum anderen hört die gewohnte Arbeit auf und mit ihr
der tagtägliche Umgang mit den Arbeitskollegen.“ Viele Menschen, Männer und zunehmendauch Frauen, haben das Gefühl, auf das „Abstellgleis“ gestellt zu werden. Den aktiven Anteilam Leben macht man ihnen unwiderruflich streitig. Entscheidend ist, was an die Stelle derArbeit tritt. Der Tages- und Wochenablauf muss neu gegliedert werden, man muss den Teilseiner selbst entdecken und sich daran erfreuen lernen, der nicht in Arbeitsleistung aufgeht,das Miteinander mit dem Partner und der regelmäßige Kontakt mit anderen Menschen mussgepflegt werden.Die Großfamilie auf Distanz. Nicht ebenso plötzlich, aber Schritt für Schritt muss der älterwerdende Mensch die Veränderungen in der Familienzugehörigkeit hin- und annehmen. Inden Industrienationen leben in der Regel vier Generationen nebeneinander. Doch dieGroßfamilie wurde abgelöst durch je für sich lebende Kleinfamilien. Es ist ein Vorurteil, dasdurch nichts zu belegen ist, dass getrennte Haushaltsführungen auf Kosten desZusammenhalts der Generationen gingen; Verlässlichkeit und gegenseitige Hilfeleistungensind auch in der heutigen Großfamilie auf Distanz nach wie vor gegeben. Dennoch müssenalte Menschen damit leben lernen, dass ihre Kinder und Enkel nicht jederzeit verfügbar sindund dass soziale Dienste, Essen auf Rädern, Nachbarschaftshilfen bis hin zu Altenheimenauch für sie vermehrt an die Stelle treten, die früher die Großfamilie eingenommen hatte.Die drohende Vereinsamung. Immer enger, leise, leise ziehen sich die Lebenskreise,schwindet hin, was prahlt und prunkt, schwindet Hoffen, Hassen, Lieben, und ist nichts inSicht geblieben, als der letzte dunkle Punkt – dichtete Theodor Fontane im 19. Jahrhundert. Esist damit nicht nur der Verlust von Menschen, dem Lebensgefährten, Freunden, Geschwistern,sondern auch das Verblassen von Lebensinhalten, das im Alter vereinsamt. Vielleicht gewinntdaher die Erinnerung bei alten Menschen ihre Anziehungskraft. Doch wer nur in derErinnerung lebt, vermag die drohende Vereinsamung nicht aufzuhalten. Es sindvergleichsweise erheblich mehr ältere Frauen, die alleinstehend sind. Angebote, umVereinsamung abzubauen, gibt es zuhauf, auch von unserer Kirchengemeinde. Es sollte mehrals Unterhaltung sein, und die älteren Menschen sollten in die Gestaltung möglichst aktiveinbezogen werden; nur durch sinnstiftende Elemente und tätige Kommunikation wirddrohende Vereinsamung wirksam abgebaut.Das nahende Sterben. Man lebt und lernt es allgemach: Wir sterben mehrmals, eh wirsterben, und unser Schatten stirbt uns nach. (Rudolf Alexander Schröder) Der alterndeMensch spürt, dass die Zeitspanne, die ihn vom Tod trennt, schmaler und schmaler wird. DieUnerbittlichkeit des nahenden Sterbens wird aber auch durch andere einschneidendeErlebnisse schmerzlich bewusst: Der Tod eines geliebten Menschen nimmt ein Stück deseigenen Lebens. Körperliche Einschränkungen, etwa durch Krankheiten, zeigen an, dass dieLebensuhr nicht unaufhörlich weitertickt. Wir sind Bürger einer Umwelt, die dieAuseinandersetzung mit dem Tod verdrängt. Das macht es auch alten Menschen so schwer,über die Ängste zu sprechen, die das nahende Sterben bei ihnen auslöst. Unser christlicherGlaube überliefert eine Wahrheit, die Erlösung von dem Fluch des Todes verheißt: Mein bistdu, spricht der Tod und will groß Meister sein. Umsonst – mir hat mein Herr versprochen:Du bist mein. (Albrecht Goes) Wir taufen „in den Tod“, damit unter Christen spürbar wird,dass der Tod nicht das letzte Wort behält, dass Leben ewiges Leben sein darf. Doch dieVerheißung der Auferstehung kann und darf nicht beziehungslos von der Bedrohtheit desLebens und den Todesängsten vermittelt werden. Dass wir im „Morgenglanz der Ewigkeit“die letzte irdische Wegstrecke gehen, ist und bleibt Kern kirchengemeindlicher Altenarbeit.Arne Stolorz